Stehen wir am Beginn eines neuen „Superzyklus“, der Rohstoffe für die nächste Dekade durch die Decke gehen lässt? Die Antwort entscheidet darüber, wie wir unser Kapital in den nächsten zehn Jahren schützen und vermehren. Doch Vorsicht: Wer jetzt blind „alles kauft, was man ausgraben kann“, wird verlieren.
Diese Analyse zerlegt den Hype und zeigt die Realität: Wir erleben keinen pauschalen Boom, sondern das Zeitalter der strategischen Knappheit.
1. Was ist ĂĽberhaupt ein Superzyklus?
Ein Rohstoff-Superzyklus ist keine normale Konjunkturschwankung von ein paar Jahren. Es ist eine Phase von 10 bis 35 Jahren, in der die Preise dauerhaft ĂĽber dem historischen Trend liegen.
Vergangene Zyklen wurden fast immer durch einen einzigen, massiven Nachfrage-Schock ausgelöst:
- Die Industrialisierung der USA (ab 1899).
- Der Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg (ab 1933/45).
- Der China-Boom (ab 1996), als hunderte Millionen Menschen in die Städte zogen.
Die Situation 2025 ist anders. Diesmal drückt der Schuh von beiden Seiten: Wir haben eine politisch gewollte Nachfrage (Energiewende, KI) und gleichzeitig ein chronisch kaputtes Angebot durch jahrelange Unterinvestition („Capex-Dürre“).
2. Das Bullen-Szenario: Die Re-Materialisierung der Welt
Die These für steigende Preise stützt sich auf harte physische Fakten. Wir leben nicht mehr in einer reinen Software-Welt – die Infrastruktur schlägt zurück.
Der Hunger der Energiewende
Grüne Energie ist metallintensiv. Ein Elektroauto benötigt ca. 83 kg Kupfer (Faktor 3,6 gegenüber einem Verbrenner). Windräder fressen Kupfer und Stahl. Da der Ausbau staatlich mandatiert ist, entsteht eine „Basisnachfrage“, die völlig unabhängig von der normalen Wirtschaftskonjunktur ist.
KI braucht Energie (und Uran)
Ein oft übersehener Faktor: KI-Rechenzentren laufen 24/7 und brauchen gigantische Mengen Strom. Tech-Giganten in den USA reißen sich bereits um Verträge mit Kernkraftwerken. Das treibt die Nachfrage nach Erdgas (als Brücke) und Uran massiv an.
Geopolitik: Re-Militarisierung & strategische Reserven
Ein zusätzlicher Treiber, den viele unterschätzen: Staaten bauen strategische Reserven auf, und die Rüstungsindustrie frisst Rohstoffe. Das ist Nachfrage, die nicht „nice to have“ ist, sondern im Zweifel politisch erzwungen wird. Ergebnis: In manchen Märkten entstehen Preisuntergrenzen – unabhängig davon, ob die Konjunktur gerade glänzt oder schwächelt.
Angebots-Kollaps: Die Rache der „Old Economy“
Während die Nachfrage steigt, kann das Angebot nicht schnell reagieren:
- Capex-Starvation: Bergbau- und Ă–lkonzerne haben seit 2015 kaum in neue Projekte investiert, sondern lieber Aktien zurĂĽckgekauft.
- Geologie: Die einfachen Vorkommen sind weg. Der Kupfergehalt im Gestein sinkt weltweit. Man muss heute 25 % mehr Gestein bewegen als im Jahr 2000, um dieselbe Menge Kupfer zu erhalten.
- ESG & Bürokratie: Neue Minen brauchen im Westen heute 16–20 Jahre bis zur Genehmigung. Das Angebot ist unelastisch.
3. Das Bären-Szenario: Warum nicht alles steigen wird
Hier machen viele Investoren den Fehler. Sie denken „Rohstoffe = gut“. Aber der Markt passt sich an. Und manche Märkte können auch im Jahrzehnt der Knappheit Überangebot erleben.
Technologische Substitution
Wenn ein Rohstoff zu teuer wird, wird er ersetzt.
- Kupfer vs. Aluminium: In Hochspannungsleitungen ist Kupfer längst durch das billigere Aluminium ersetzt. Jetzt passiert das auch in E-Auto-Kabeln und Klimaanlagen.
- Lithium vs. Natrium: Der Lithium-Schock 2022 hat die Entwicklung von Natrium-Ionen-Batterien beschleunigt. Die funktionieren mit Salz, brauchen kein Kobalt und kein Lithium. Für Kleinwagen und Speicher sind sie die billige Alternative – ein Deckel für den Lithiumpreis.
Ăśberangebot passiert trotzdem: Nickel & kurzfristige Ă–l-Zyklen
Rohstoffmärkte sind brutal zyklisch: Hohe Preise locken Kapital an, und später kommt die Angebotswelle. Zwei Beispiele, die Investoren auf dem Radar haben sollten:
- Nickel: Aggressive Kapazitätsausbauten (z. B. in Indonesien) können länger anhaltende Überschüsse erzeugen – auch wenn die Story (Batterien/E-Mobilität) grundsätzlich real ist.
- Öl (kurzfristig): Selbst bei struktureller Unterinvestition kann es zeitweise Supply-Gluts geben (Nachfrage-Dellen, OPEC-Politik, neue Projekte). Energie bleibt strategisch – aber der Preisweg ist nie gerade.
Das China-Problem
China war der Motor der letzten 20 Jahre. Dieser Motor stottert. Der dortige Immobilienmarkt (ein schwarzes Loch für Stahl und Beton) schrumpft strukturell. Wer auf Eisenerz setzt, wettet auf chinesische Wolkenkratzer – eine gefährliche Wette.
„Wir befinden uns nicht in einem pauschalen Superzyklus, wo die Flut alle Boote hebt. Wir sind in einer Phase der Fragmentierung: Strategische Assets steigen, austauschbare Rohstoffe leiden.“
4. Makro-Szenarien: Was ist realistisch?
Damit du nicht in Narrativen hängen bleibst, hier die saubere Einordnung in drei Szenarien. Es geht nicht um Prophezeiungen, sondern um robuste Denkmodelle:
- Szenario A (hoch): Fragmentierung/strategische Knappheit – Gewinner wie Kupfer, Uran, Gold, Infrastruktur; Verlierer wie Lithium/Eisenerz; selektive Chancen statt „alles steigt“.
- Szenario B (niedrig): Breiter Reflations-Superzyklus – würde schwachen US-Dollar und synchrones Weltwachstum brauchen, damit wirklich „die Flut alle Boote hebt“.
- Szenario C (mittel): Tech-Deflation/Stagnation – Effizienz, Substitution und Rezessionsphasen drücken die Nachfrage; manche Märkte kippen in Überangebot.
5. Die Alien-Strategie: Profiteure der Fragmentierung
Wenn wir das Szenario der „Strategischen Knappheit“ annehmen, müssen wir selektiv vorgehen. Wir suchen Assets mit unelastischem Angebot, politischem Rückenwind und starken Cashflows.
Sektor Energie & Infrastruktur (Cashflow-Monster)
Die fossile Welt verschwindet nicht ĂĽber Nacht. Im Gegenteil: Wer die bestehende Infrastruktur besitzt, hat ein Monopol, da kaum noch Neues gebaut werden darf.
- Öl-Majors (z. B. Exxon Mobil - XOM): Setzen auf Kapitaldisziplin statt Wachstum. Gewinne fließen in Dividenden und Aktienrückkäufe.
- Midstream (z. B. Enbridge - ENB): Die Betreiber der Pipelines. Sie sind die Mautstraßen der Energieversorgung. Egal wie der Ölpreis steht – das Volumen zählt.
Industriemetalle: Kupfer als Königsklasse
Kupfer ist schwer zu ersetzen und essenziell fĂĽr alles, was Strom leitet.
- Diversifizierte Riesen (z. B. BHP, Rio Tinto): Nutzen Cash aus Eisenerz, um im Kupfermarkt zu wachsen.
- Pure Plays (z. B. Freeport-McMoRan - FCX): Der direkte Hebel auf den Kupferpreis, allerdings mit geopolitischem Risiko (Indonesien).
Edelmetalle: Die Versicherung
In einer Welt voller Schulden und geopolitischem Chaos ist Gold die Währung der letzten Instanz.
- Royalty & Streaming (z. B. Wheaton Precious Metals - WPM): Das smarteste Geschäftsmodell. Sie finanzieren Minen und bekommen dafür Gold/Silber zum Fixpreis. Keine Kosteninflation, kein Dieselrisiko, pure Marge.
„Picks & Shovels“ – Die Ausrüster
Wenn die Erzgehalte sinken, muss die Technik besser werden.
- Caterpillar (CAT) & Sandvik: Liefern die autonomen Maschinen, um tiefer und effizienter zu graben. Sie verdienen Geld, egal ob die Mine erfolgreich ist oder nicht.
Optionaler Satelliten-Blick: Trader, Agrar & Logistik
Wenn du breiter denken willst: In fragmentierten Rohstoffmärkten profitieren oft auch die „Händler der Volatilität“ und die Infrastruktur darum herum. Rohstoffhändler, Agrar-Inputs und Logistik können als zweite Reihe interessant sein – nicht als Hype, sondern als Systemteile der Lieferketten.
6. Risiken: Wo du aufpassen musst
Auch in diesem Szenario gibt es Fallstricke fĂĽr Investoren:
- Politische Gier („Windfall Taxes“): Wenn Rohstofffirmen zu viel verdienen, kommt der Staat und schöpft ab (siehe UK Nordsee-Öl).
- Der Schweinezyklus: Hohe Preise führen zu Überangebot. Lithium ist das warnende Beispiel – nach dem Hype kam der Crash durch zu viele neue Projekte.
- Der starke US-Dollar: Rohstoffe werden in Dollar gehandelt. Bleibt der Dollar stark (wegen hoher US-Zinsen), drĂĽckt das die Preise weltweit.
- Handelskriege & Zölle: Politische Eingriffe (Zölle, Exportverbote, Sanktionen) erzeugen Preisschocks und Volatilität – und können Gewinner/Verlierer von heute auf morgen drehen.
- Projekt-Risiko: Greenfield-Träume scheitern oft an Finanzierung, Genehmigungen, Technik oder Politik. Die Story ist egal, wenn die Mine nie liefert.
7. Alien-Fazit 🛸
Die Ära der billigen Ressourcen ist vorbei, aber die Ära des „blinden Kaufens“ auch. Für den langfristigen Eigentümer liegt die Chance nicht in der breiten Streuung, sondern in der Qualität.
Bevorzuge Unternehmen, die bereits produzieren (Brownfield) gegenüber Träumern, die noch suchen (Greenfield). Suche nach Cashflow und Dividenden, nicht nach Wachstumsversprechen. Kupfer, Uran und Energie-Infrastruktur sind strategische Gewinner – Lithium, Nickel (zyklisch) und Eisenerz bleiben deutlich anspruchsvoller.