In einer Welt voller KI-Hype und volatiler Tech-Trends ist Service Corporation International (SCI) eine Anomalie. Es ist die Monetarisierung der einzigen biologischen Garantie: der Sterblichkeit. Für den analytisch orientierten Eigentümer ist dieses Unternehmen kein morbides Kuriosum, sondern ein faszinierendes ökonomisches Konstrukt, das demografische Zwangsläufigkeit in Cashflow transformiert.
„Vertrau niemandem – auch nicht mir. Schau dir die Zahlen an, denke selbst, und entscheide dann, ob SCI in dein eigenes Freiheits-Setup passt.“ 👽
1) Kurzüberblick: Der unumgängliche Marktführer
SCI ist der unangefochtene Marktführer im nordamerikanischen „Deathcare“-Sektor (Bestattung & Friedhöfe). Das Unternehmen hat den Tod industrialisiert, standardisiert und durch Finanzengineering optimiert.
- Ticker: SCI (NYSE)
- Marktkapitalisierung: ca. 10,6–10,7 Mrd. USD (Stand: Dezember 2025)
- Marktstellung: „Kategorie-Killer“ in Nordamerika, profitiert vom „Silver Tsunami“ (alternde Babyboomer).
- Status: Kein zyklischer Wachstumswert, sondern ein defensiver Anker mit Immobilien-Burggraben.
2) Geschäftsmodell & Segmente: Die Architektur des Abschieds
Das Modell basiert auf zwei physischen Säulen und einem massiven finanziellen Überbau. SCI monetarisiert den gesamten Zyklus des Lebensendes.
Das Bestattungssegment (Funeral)
- Markenstrategie: SCI operiert meist unter der Dachmarke „Dignity Memorial“, behält aber oft die Namen lokaler Familienbetriebe („Heritage Brands“), um Vertrauen zu nutzen.
- Umsatz: Dienstleistung (Feier, Logistik) und Waren (Särge, Urnen).
- Herausforderung: Der Trend geht zur Einäscherung (Cremation), die weniger Umsatz bringt als Erdbestattungen. SCI kontert dies mit Upselling (Events, Catering).
Das Friedhofssegment (Cemetery) – Der wahre Moat
- Immobilien-Monopol: In Metropolen wie New York oder L.A. gibt es keine Genehmigungen für neue Friedhöfe. SCI besitzt das knappe Land.
- Profitabilität: Extrem hohe operative Margen (ca. 34–35 %). Einmal erschlossen, kostet der Verkauf einer weiteren Urnennische fast nichts.
- Combo-Strategie: Bestattungsinstitute direkt auf dem Friedhofsgelände maximieren die Kundenbindung und senken Kosten.
Pre-Need (Vorsorge) – Die Finanzfestung
Kunden bezahlen ihre Beerdigung oft Jahre im Voraus. SCI sitzt auf einem Backlog von rund 16 Milliarden USD. Dieses Geld wird angelegt und arbeitet als „Float“ (ähnlich wie bei Versicherungen), noch bevor die Dienstleistung erbracht wird. Ein Kunde mit Vorsorgevertrag ist faktisch vom Markt genommen – die Wechselrate ist minimal.
3) Wachstum & Entwicklung
Nach den verzerrenden „Excess Deaths“ der Pandemie-Jahre hat sich das Geschäft normalisiert.
- Trend: Organisches Wachstum kehrt zurück. Im Q3 2025 stieg der Umsatz um 4,4 %.
- Pricing Power: Auch wenn die reinen Volumina (Sterbefälle) sich stabilisieren, kann SCI die Preise anheben. Der Umsatz pro Bestattung steigt trotz Inflation.
- Der Silver Tsunami: Die Babyboomer erreichen nun das Alter statistisch steigender Sterblichkeit. Das garantiert eine strukturell wachsende Nachfrage bis ca. 2040.
4) Profitabilität & Bilanz: Die Leverage-Maschine
SCI ist aggressiver finanziert als konservative Holdings, nutzt aber die extreme Vorhersehbarkeit seiner Cashflows.
- Margen: Operative Marge im Konzern stabil bei 22–23 %. Das Friedhofsgeschäft ist der Rendite-Treiber.
- Verschuldung: Nettoverschuldung/EBITDA liegt bei ca. 3,6x bis 3,7x. Das ist hoch, wird aber aufgrund der Krisenfestigkeit des Geschäftsmodells („Gestorben wird immer“) vom Markt akzeptiert.
- Cashflow-Allokation: Der Cashflow fließt primär in Dividenden und aggressive Aktienrückkäufe, um den Gewinn pro Aktie zu hebeln.
5) Strategische Themen & Digitalisierung
- Projekt „Beacon“: Ein Salesforce-basiertes Tablet-System für den Vertrieb. Es standardisiert Verkaufsgespräche und erleichtert massives Upselling (z.B. teurere Särge visuell präsentieren).
- Antwort auf Einäscherung: SCI verkauft zunehmend „Permanent Memorialization“ (Glasnischen, Gedenkbänke) für Urnen, um den fehlenden Sarg-Umsatz auszugleichen.
- Bedrohung (FTC Funeral Rule): Die US-Behörden planen, Bestatter zu zwingen, Preise transparent online zu stellen. Das könnte die Margen unter Druck setzen, wenn Kunden leichter vergleichen können.
6) Bewertung im Kontext
SCI ist kein Schnäppchen, sondern ein „Quality Compounder“.
- KGV (P/E, TTM): Mit ca. 20–21x handelt SCI mit einem massiven Aufschlag gegenüber dem kleineren Konkurrenten Carriage Services (ca. 13–14x).
- Warum das Premium? Investoren zahlen für Größe, Liquidität und vor allem das unreplizierbare Immobilien-Portfolio in den Großstädten.
- Einordnung: Analysten sehen aufgrund der stabilen Cashflows und des Pre-Need-Backlogs oft einen „Fair Value“ deutlich über dem aktuellen Kurs.
7) Wettbewerb & Burggraben
Der Markt ist seltsam: Einerseits dominiert SCI, andererseits sind 80 % der Bestatter immer noch kleine Familienbetriebe.
- Hauptkonkurrent: Carriage Services (CSV) – deutlich kleiner und volatiler.
- Private Equity: Investoren lieben die stabilen Cashflows und kaufen aggressiv Bestatter auf, was die Übernahmepreise für SCI treibt.
- Der Moat: Ein lokaler Bestatter kann vielleicht billiger sein, aber er kann keinen Friedhof mitten in New York City bauen. SCI besitzt das Land bereits.
8) Kundenperspektive: Der „Starbucks“ des Todes
- Das Versprechen: Konsistenz, Professionalität und Übertragbarkeit der Vorsorge (Umzug von NY nach Florida? Kein Problem).
- Die Kritik: SCI gilt als teuer. Verbraucherschützer kritisieren oft aggressives Upselling und Intransparenz bei Preisen.
- Fazit: Kunden zahlen einen Premium-Aufschlag für die Marke und das „Rundum-Sorglos-Paket“ in einer emotionalen Ausnahmesituation.
9) Mitarbeiterperspektive
- Vertrieb (Sales): Hoher Leistungsdruck, getrieben durch Quoten und digitale Überwachung („Beacon“). Ein hartes Pflaster.
- Operativ: Oft hohe emotionale Belastung und Berichte über Unterbesetzung. Dafür bietet der Konzern Benefits und Karrierewege, die kleine Familienbetriebe nicht haben.
10) Chancen & Risiken
Die Chancen (Bull Case):
- Demografischer Automatismus bis 2040 (steigende Sterbezahlen).
- Monetarisierung des 16-Mrd.-USD Backlogs (Inflation hedge).
- Stille Reserven im Immobilien-Portfolio (Friedhöfe in City-Lagen).
Die Risiken (Bear Case):
- Regulierung (FTC): Preistransparenz könnte zur Margen-Erosion führen.
- Zinsen: Bei hohem Leverage (Schulden) reagiert SCI empfindlich auf ein „Higher-for-longer“ Zinsumfeld bei Refinanzierungen.
- Reputation: Ein großer Skandal würde die Marke „Dignity“ empfindlich treffen.
11) Alien-Fazit 🛸
Service Corporation International ist ein finanzieller Leichenwagen: Nicht schnell, nicht sexy, aber unaufhaltsam, zuverlässig und mit riesiger Ladekapazität für Cashflow.
Qualität: Exzellent dank des Immobilien-Burggrabens.
Sicherheit: Die Nachfrage ist so sicher wie der Tod, aber die Bilanz ist aggressiv auf Rendite getrimmt (Financial Engineering).
Für den rationalen Investor, der Zynismus mit Rendite paaren kann und Inflationsschutz sucht, ist SCI ein solider Basis-Wert. Wer jedoch Angst vor Schuldenbergen hat oder ethische Bedenken bei der strikten Kommerzialisierung von Trauer hegt, sollte Abstand halten.