"Not your keys, not your coins." Das ist das erste Gesetz der Bitcoin-Souveränität. Aber hast du schon über das zweite Gesetz nachgedacht? "Lost keys, lost coins."
Das größte Paradoxon der Selbstverwahrung ist der Tod. Wenn du dein Setup so sicher machst, dass kein Dieb der Welt daran kommt, kommen vermutlich auch deine Erben nicht daran. Machst du es für deine Erben zugänglich (Zettel im Safe, Anwalt mit Schlüssel), schaffst du Sicherheitslücken, durch die du schon zu Lebzeiten alles verlieren kannst.
Millionen von Bitcoin sind bereits für immer verloren, weil Besitzer gestorben sind und ihre Schlüssel mit ins Grab genommen haben. Die Lösung dafür war bisher kompliziert oder erforderte Vertrauen in Dritte. Bis jetzt.
In diesem Artikel zeige ich dir, wie die Liana Wallet dieses Problem löst – mit einem programmierbaren "Dead Man's Switch" direkt auf der Blockchain.
1. Das Problem: Warum herkömmliche Erbschaftspläne scheitern
Traditionell gibt es für Bitcoiner nur schlechte Optionen beim Vererben:
- Der Anwalt/Notar: Du gibst Schlüssel an Dritte. Das bricht das "Don't Trust, Verify"-Prinzip. Der Anwalt könnte gehackt werden oder unehrlich sein.
- Shamir's Secret Sharing (SSS): Du teilst deinen Seed in Stücke. Das ist mathematisch sicher, aber operativ ein Albtraum. Können deine Erben wirklich ein SSS-Schema rekonstruieren, wenn du nicht mehr da bist?
- Der "Zettel im Tresor": Einfach, aber riskant. Findet ein Einbrecher den Zettel, ist das Geld weg ("Wrench Attack").
Was wir brauchen, ist ein System, das zu Lebzeiten maximal sicher ist (niemand kann ohne dich ausgeben) und im Todesfall automatisch zugänglich wird.
2. Die Lösung: Liana und die "15-Monate-Strategie"
Liana ist eine Wallet, die Logik in deine Transaktionen einbaut. Sie nutzt eine Funktion von Bitcoin namens Timelocks (Zeitsperren). Das Konzept funktioniert wie ein digitaler Totmannschalter.
So funktioniert der "Dead Man's Switch":
- Der Primär-Pfad (Du lebst): Du hast deine normalen Hardware-Wallets (z.B. eine BitBox02). Damit kannst du deine Coins jederzeit bewegen.
- Der Wiederherstellungs-Pfad (Der Erbe): Es gibt einen zweiten Schlüssel (den des Erben). Dieser ist im Code der Wallet hinterlegt, aber kryptographisch ungültig, solange eine bestimmte Zeit nicht vergangen ist.
- Der Timer: Wir stellen einen Timer auf der Blockchain ein, zum Beispiel 15 Monate.
Jedes Mal, wenn du eine Transaktion tätigst (oder dir selbst einmal im Jahr Geld schickst, ein sogenannter "Refresh"), wird der Timer auf der Blockchain zurückgesetzt. Der Schlüssel des Erben bleibt wertlos.
Das Szenario: Solltest du versterben oder handlungsunfähig werden, stoppen deine Transaktionen. Der Timer läuft ab. Nach 15 Monaten (ca. 65.000 Blöcke) wird der Wiederherstellungs-Pfad auf der Blockchain gültig. Erst jetzt – und keinen Tag früher – kann der Schlüssel des Erben die Coins bewegen.
Warum ausgerechnet 15 Monate?
In der Community (u.a. diskutiert von Chris Seedor) hat sich die 15-Monate-Strategie als Goldstandard etabliert:
- 12 Monate Zyklus: Jeder verantwortungsbewusste Bitcoiner sollte einmal im Jahr ein Audit machen (Firmware-Updates, Backups prüfen, Bestände konsolidieren).
- 3 Monate Puffer: Wenn du dein jährliches Audit vergisst oder im Krankenhaus liegst, hast du 90 Tage Sicherheitspuffer, bevor der Erben-Schlüssel aktiv wird.
3. Unter der Haube: Miniscript & Decaying Multisig
Wie ist das technisch möglich? Liana nutzt Miniscript. Das ist eine Sprache, die Bitcoin-Script (den Maschinencode von Bitcoin) lesbar und sicher macht. Es erlaubt uns, Bedingungen wie "UND", "ODER" und "ÄLTER ALS" zu verknüpfen.
Ein mächtiges Feature dabei ist das Decaying Multisig (zerfallende Multisignatur). Stell dir vor, du hast ein hochsicheres Firmen-Setup mit 3 von 5 Schlüsseln. Verlierst du 3 Schlüssel, sind die Coins normalerweise weg. Mit Liana kannst du programmieren:
- Heute: Es werden 3 von 5 Schlüsseln benötigt.
- Nach 4 Jahren Inaktivität: Es reichen 2 von 5 Schlüsseln.
- Nach 5 Jahren Inaktivität: Es reicht 1 von 5 Schlüsseln.
Das wandelt das Risiko eines "Totalverlusts" in das Risiko einer "temporären Sperre" um. Genial, oder?
4. Anleitung: Dein Nachlass-Setup in 4 Phasen
Liana ist keine Wallet, die du installierst und vergisst. Es ist ein aktives Protokoll. Hier ist der Workflow:
Phase 1: Design & Topologie
Entscheide dich für eine Struktur.
Primär (Alltag): Z.B. deine BitBox02 (Single Sig) oder ein 2-aus-3 Setup für hohe Sicherheit.
Wiederherstellung (Erbe): Ein separates Signier-Setup (z.B. ein Ledger oder ein SeedSigner samt SeedQR), das sicher beim Erben oder im Bankschließfach liegt.
Wenn du ein Schließfach nutzt, muss das Geheimnis zusätzlich abgesichert sein (z. B. durch eine BIP39-Passphrase, die getrennt aufbewahrt wird) und in einem manipulationssicheren Umschlag stecken. Denk daran: Bei stateless Geräten wie dem SeedSigner ist nicht das Gerät, sondern ausschließlich der Seed bzw. SeedQR der Schlüssel zu deinem Vermögen.
Phase 2: Schlüssel generieren
Generiere den Schlüssel für den Erben auf einem separaten, sauberen Gerät. Dieser Schlüssel darf niemals deinen normalen Computer berühren. Nach der Erstellung wird der Seed (die 12/24 Wörter) auf Stahl gesichert und versiegelt. Nur der öffentliche Schlüssel (xpub) kommt in die Liana-Software.
Phase 3: Einrichtung in Liana
Du installierst die Liana Desktop-App (Windows/Mac/Linux). Du verknüpfst deinen Primärschlüssel und den xpub des Erben-Schlüssels. Dann setzt du den Timelock (z.B. 65.000 Blöcke).
Wichtig: Bei Liana reicht der Seed nicht als Backup! Du musst zwingend auch den Deskriptor sichern. Der Deskriptor ist der Bauplan, der sagt: "Dieser Seed gehört zu einem Timelock-Skript". Ohne Deskriptor finden deine Erben die Coins auf der Blockchain nicht. (Seit Liana v13 gibt es verschlüsselte Deskriptor-Backups, die das vereinfachen).
Phase 4: Das Übergabe-Paket
Dein Erbe bekommt physisch (oder via Notar) ein Paket. Darin enthalten:
- Der Wiederherstellungs-Seed (versiegelt).
- Der Deskriptor (auf USB-Stick oder als QR-Code).
- Eine einfache Anleitung: "Installiere Liana, lade diese Datei, gib den Seed ein."
- Die Anweisung: "Prüfe meine Adresse. Wenn sich dort 15 Monate nichts bewegt hat, kannst du das Geld abholen."
5. Hardware & Node: Was du brauchst
Liana ist ein Software-Koordinator. Die Sicherheit kommt von deiner Hardware-Wallet.
- Hardware: Die BitBox02 (Bitcoin-only) ist ideal, da sie Miniscript nativ unterstützt. Sie zeigt dir auf dem Display genau an: "Ausgebbar nach 65.000 Blöcken". Das verhindert, dass gehackte Software dich austrickst.
- Node (Knotenpunkt): Um zu wissen, ob 15 Monate vergangen sind, muss Liana die Blockchain kennen. Keine Sorge, du brauchst keine 600 GB Speicher. Liana bietet eine "Managed Pruned Node". Sie lädt die Kette einmal herunter, verifiziert alles, und löscht alte Daten. Das braucht nur ca. 10–20 GB Platz auf deinem Laptop.
🔐 Empfohlene Hardware für dieses Setup
Für das Liana-Setup empfehle ich die BitBox02 Bitcoin-only Edition aus der Schweiz. Sie unterstützt Miniscript und zeigt die komplexen Timelock-Regeln direkt auf dem Display an.
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6. Sicherheit: Erst Testen, dann Erben!
Du steckst deine Lebensersparnisse nicht in ein Skript, das du nicht getestet hast. Ein Tippfehler im Code könnte Coins für immer sperren. Aber: Teste nicht im teuren Mainnet und nicht im chaotischen Testnet3.
Nutze Bitcoin Signet. Liana lässt dich mit einem Klick eine Signet-Wallet erstellen. Dort laufen Blöcke zuverlässig.
- Hole dir wertlose Signet-Coins (Faucet).
- Setze ein Timelock auf 20 Blöcke (ca. 3 Stunden).
- Simuliere deinen Tod (warte 3 Stunden).
- Versuche, mit dem Erben-Schlüssel wiederherzustellen.
Erst wenn dieser Durchlauf ("Fire Drill") funktioniert, richtest du die echte Wallet mit echtem Geld ein.
7. Fazit: Die Evolution der Souveränität
Liana transformiert das Risiko des Todes ("Bus-Faktor") von einer Katastrophe in einen automatisierten Prozess. Es ist der aktuelle Goldstandard für digitale Vererbung ohne Vertrauenspersonen.
Es erfordert Disziplin (einmal im Jahr den "Refresh" machen), aber der Lohn ist absolute Gewissheit: Deine Coins gehören dir – und wenn du gehst, gehören sie genau denen, die du bestimmt hast. Nicht dem Staat, nicht der Bank und nicht dem Daten-Nirvana.
8. Pro-Tipps: Mobile, Privacy & Risiken
Für fortgeschrittene Nutzer gibt es zwei wichtige Details zu beachten:
- Mobile Watch-Only: Liana ist primär Desktop-Software. Du kannst deine Wallet aber über den Deskriptor-Export in die mobile App Nunchuk importieren, um deinen Kontostand sicher am Handy zu prüfen (Watch-Only).
- Privacy-Footprint: Wenn der Wiederherstellungsfall eintritt, wird das gesamte Skript (inklusive der Timelock-Bedingungen) auf der Blockchain sichtbar. Ein Analyst kann dann sehen: "Hier war ein 15-Monate-Timelock".
⚠️ Nur für Experten: Privacy-Risiken
Die Nutzung von fortgeschrittenen Scripts und Privacy-Techniken erfordert tiefes Verständnis. Wenn du dich weiter mit Privacy-Tools (wie CoinJoin) beschäftigen willst, lies meinen Research-Bericht zu Wasabi.
Warnung: Dieser Inhalt ist nur für Nutzer geeignet, die genau wissen, was sie tun.